4 March 2009

Tastaturbelegung NEO

Es ist ja mehr oder weniger allgemein bekannt, dass die QWERTZ Tastaturbelegung vor langer Zeit entwickelt wurde, um das Verklemmen von Schreibmaschinen-Hebeln zu vermeiden. Gerüchte besagen, dass QWERTZ absichtlich die Geschwindigkeit des Tippens verringert, damit es nicht zu schnell für die Schreibmaschine ist.
Ob das Gerücht nun stimmt oder nicht — es bleibt die Frage, wie eine auf Ergonomie und Produktivität optimierte Tastaturbelegung aussehen würde und wie ergonomisch diese dann wäre. Könnte man schneller schreiben, leichter schreiben, mit weniger Schäden für die Gesundheit?

Ich habe mir jüngst einmal wieder die Tastaturbelegung "NEO" angesehen, die speziell für die deutsche Sprache optimiert wurde. Ein Freund von mir verwendet NEO schon länger und ist damit sehr zufrieden.

Hier einmal eine Aufstellung der Vor- und Nachteile von NEO aus meiner Sicht. Linksammlung am Ende des Berichts.

Vorteile:
  • NEO hat fundierte Entwurfsprinzipien, die sowohl auf Ergonomie als auch Produktivität Rücksicht nehmen. Allein der Umstand, dass die häufigsten Buchstaben der deutschen Sprache auf der Grundreihe liegen ist ein großer Vorteil. (Grundreihe = da wo man beim 10-Finger-System die Finger liegen hat.)
  • NEO ermöglicht die direkte Eingabe vieler Sonderzeichen über eine zweite, dritte, oder vierte Ebene (also SHIFT+Taste, ALTGR+Taste, usw.). Die Feststelltaste (CAPS lock) wird dabei als Ebenen-Umschalter verwendet, was dieser ansonsten nutzlosen Taste endlich wieder eine Funktion zu weist. Besonders wichtige Sonderzeichen sind für mich der Gedankenstrich (—) und Französische Buchstaben, insbesondere das ç. Dank Unicode kann man solche Zeichen ja heutzutage sehr leicht mit dem Computer verarbeiten, nur eingeben kann man sie überhaupt nicht leicht!
  • Viele Programmierer in C, Java und ähnlichen Sprachen, freuen sich dass die geschweiften Klammern {} mi NEO einfacher einzugeben sind. Ich selbst mag diese Programmiersprachen überhaupt nicht, aber es versteckt sich hier ein weiterer Vorteil! Für meine Promotion arbeite ich an einer Programmier- und Beweis-Sprache, die selbst viele Sonderzeichen benutzt (∀, ¬, ∨, ...), und NEO ist hierfür auch nützlich. Viele mathematische Zeichen sind schon in NEO vorhanden, und andere lassen sich wahrscheinlich leicht in eine individuelle Version von NEO einbauen. Das ist ein großer Vorteil für Mathematik- und Logik-Programme, weil dadurch viel Programmierarbeit für Sonderzeichen entfällt. Auf dem Bildschirm, dem (ausgedruckten) Papier und der Tastatur befindet sich das gleiche Zeichen. Außerdem kann man diese Zeichen auch zwischen verschiedenen Programmen leicht kopieren und so z.B. in elektronischer Post verwenden.
  • NEO hat einen erweiterten "Compose" Mechanismus mit dem man zwei Zeichen zu einem kombinieren kann, z.B. ` und a zu à oder , und c zu ç. Das gibt noch mehr leicht zu tippende Sonderzeichen und ich stelle mir vor, damit die Tonzeichen von pīnyīn zu schreiben!
  • Den Erfahrungsberichten zufolge, ist es leicht im Fall des Falles auch noch QWERTZ zu schreiben (z.B. auf fremden Computern).
  • Scheinbar ist es ganz praktisch, die eigene Tastatur zu behalten und nicht umzubeschriften, da man NEO sowieso blind schreibt und es leicht bleibt, die eigene Tastatur mal kurz von Jemand anderem benutzen zu lassen.
  • Mein privater Computer und auch meine Uni verwendet Ubuntu und das hat NEO schon eingebaut, man muss es nur als Tastaturschema auswählen! Das ist super und macht das Umschalten einfach: andere Leute können auf meinem Computer QWERTY tippen und ich kann auf anderen (Ubuntu-) Computern NEO tippen. (Einstellen dauert nur eine Minute!)
Nachteile:
  • Ich habe mir einmal verschiedene Erfahrungsberichte von NEO-Umsteigern angesehen und festgestellt, dass niemand unter diesen Nutzern mit NEO schneller tippt, als er mit QWERTZ vorher getippt hat. Viele tippen sogar etwas langsamer! Mein oben erwähnter Freund hat mal eine Zeit lang mit NEO Geschwindigkeit traniert und war dann viel schneller als mit QWERTZ vorher. Aber eine Weile später, als er NEO täglich verwendete, aber nicht mehr trainierte, war seine Geschwindigkeit wieder auf QWERTZ-Niveau, so wie auch bei den anderen Nutzern.
    Das es nicht schneller ist, spricht natürlich nicht gegen NEO (es ist ja auch nicht signifikant langsamer), aber es spricht schon gegen einen Umstieg, da ich mir ja schon eine kleine Verbesserung der Geschwindigkeit erhoffe.
  • Es gab auch keine Daten zur Tippfehlerrate für NEO. Ich glaube ich mache bei QWERTZ nur sehr wenige Tippfehler. Kann NEO da noch besser sein?
  • Die Software-Unterstützung für NEO scheint noch nicht so ausgereift zu sein. Laut den Berichten gab es einige Probleme, insbesondere unter Windows.
  • Der schwerwiegenste Nachteil: Viele Tastenkombinationen zur Programm-Steuerung haben sich mir schon im Rückenmark eingeprägt und diese umzulernen ist besonders schwer. Das Problem dieser Kombinationen ist, dass sie von der Tastenbeschriftung unabhängig eingeprägt sind: ich drücke instinktiv STRG-C (-X, -Z, -V, -W).  Ich könnte mir die neuen Positionen der Kombinationen zwar sicher leicht einprägen, aber wenn ich dann doch mal irgendwo eine andere Tastenbelegung verwenden muss, würde ich mich höchstwahrscheinlich damit selbst mit dem Hammer auf die Finger klopfen (oder schlimmeres!). Aus Erfahrung weiß ich wie frustrierend es ist, wenn man instinktiv genau das falsche macht. Zum Beispiel "Fenster schließen" an Stelle von "kopieren". Das ist schlimm!
  • Ich hätte auch Probleme manche Tastenkombinationen überhaupt zu finden, wenn die Tasten nicht umbeschriftet sind. (Angenommen, dass ich meinen Computer nicht umbeschrifte. Und immer, wenn ich NEO auf einem fremden Ubuntu-Computer verwende.)
Offene Fragen:
  • Wie leicht/schwer ist es, Sonderzeichen in der NEO-Belegung zu individualisieren? (Ich brauche das für meine Programmiertheorie, welche ein paar besonders seltene Zeichen häufig verwendet.)
  • Ist es möglich, bestimmte Tastenkombinationen (insbesondere STRG-C, -X, -V. -W) so umzuprogrammieren, dass sie auf der alten Taste belegt bleiben, selbst wenn diese Taste einen anderen Buchstaben erzeugt? Ich denke, diese Umbelegung ist nur für ganz wenige Steuertastenkombinationen nötig, denn die meisten anderen Kombinationen benutze ich nicht aus dem Schreibfluss heraus.
  • Unterstützt der Compose-Mechanismus schon die vier Tonzeichen von Pinyin (ˉ´ˇ`)? Wenn nicht, wie schwer ist es diese einzustellen? Oder ist es besser Tonzeichen mit einem anderen Mechanismus einzugeben (vierte Ebene, ...)?
  • Ich brauche generell noch mehr Informationen zu Steuer-Tastenkombinationen und den verschiedenen NEO-Ebenen. Es ist für mich entscheidend, dass viele Anwendungsprogramme genau dieselben Kombinationen verwenden und bei Ubuntu ist dies schon ganz gut umgesetzt. Wie kann NEO dies erhalten und ggf. noch ausweiten? Ist es zum Beispiel möglich Strg-W in Programmen zu verwenden, welche für selbigen Befehl Alt-F4 erwarten?
  • Wie schnell tippen andere NEO-Nutzer (vor- und nach dem Umstieg) und mit welcher Fehlerrate? Wäre interessant dazu mal eine Umfrage zu starten.
  • Wie schnell tippe ich selbst? (Deutsch, Englisch, mathematische Formeln, ...?)
Nun bleibt mir nur noch, Antworten auf diese Fragen zu suchen und dann eine Entscheidung bzgl. Umstieg zu treffen.

Links:

2 comments:

Robert said...

Antworte auf eine der Fragen: für die Pinyin-Tonzeichen ist es wohl das Beste, sie über "Tote Tasten" einzugeben. D.h. man drückt auf die Akzent-Taste und danach auf den Buchstaben und dann erhält man das Resultat ohne eine spezielle compose-Taste zu benutzen. Scheinbar ist die dazu nötige compose-Sequenz schon für alle vier (!) Tonzeichen bei Linux einprogrammiert (es funktioniert ja auch so für ´ und ` bei normalen deutschen Tastaturen!).
NEO hat Tasten für alle Tonzeichen (ˉ´ˇ`), man könnte Pinyin also schon direkt eingeben, allerdings in entfernten Positionen auf verschiedenen Ebenen.
Standard-Neo sollte Pinyin also schon eingeben können, aber die Bedienung ist umständlich. Möglicherweise wäre es gut, eine NEO-Variante zu haben, die ˉ und ˇ neben den Tasten für ´` (also auf der ersten Ebene) platziert. Überdeckt würden das ß und "-". Wäre eigentlich ok, solange man schnell zwischen NEO-pinyin und NEO-normal umschalten kann. Und ist kein Problem, wenn Pinyin mit Englisch mischt (so wie ich das bisher immer getan habe).

Robert said...

Update 1: another friend switched his keyboard -- to Programmer's Dvorak without changing or relabeling her keyboard. Her finger-strain problems have vanished and she is happy with the set-up!

Update 2: Ich habe schnell mal einen Schnellschreibtest gemacht und hier ist das Ergebnis:

Du schreibst 251 Zeichen pro Minute
Du hast 44 korrekt geschriebene Wörter und
Du hast 1 falsch geschriebene Wörter

Zweiter Versuch:

Du schreibst 292 Zeichen pro Minute
Du hast 50 korrekt geschriebene Wörter und
Du hast 0 falsch geschriebene Wörter

http://schnell-schreiben.de/stv2/

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